1957
geboren in Bensheim
1972-1975
Ausbildung zum Bauzeichner
    ab 1985

Auseinandersetzung mit Grundlagen und Techniken der Aquarell-Malerei
 ab 1986

regelmäßige Seminarteilnahme an Kunstakademien
 ab 1997

abstrakte Malerei in Acryl- und Mischtechnik auf Leinwand- und Metallgründen
 ab 2007

Konzentration auf Acryl-Collagen, Mischtechnik auf Leinwand
 ab 1997

zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland, Teilnahme an Messen
 
Arbeiten im privaten und öffentlichen Besitz
 
Mitglied im Darmstädter Kunstverein


 


Artikel vom 27.09.2011 Bergsträßer Anzeiger

Tag des offenen Ateliers: Fehlheimer Maler Erwin Degen präsentiert neue und ältere Arbeiten im frisch restaurierten Haus

Große Formate im Rausch der Farben




BENSHEIM. Dynamik und Emotion, Kraft und Tiefe: Die explosiven Farbwirbel ziehen den Betrachter mitten ins Bild hinein. Gefühl und Spontaneität regieren über Perfektion und Reglementierung. Der kreative Zufall türmt sich viele dicke Schichten übereinander. Hier und da reißt die Oberfläche auf und bringt die tieferen Ebenen zum Vorschein. Die Lust am Entdecken und Experimentieren ist ungebrochen.
Erwin Degen ist produktiv. Überall stapeln sich die Ergebnisse seiner Inspiration. Im vergangenen Jahr hat der Fehlheimer Maler seinen schöpferischen Impulsen nichts entgegen gehalten. Es entstanden zahlreiche neue Werke, viele davon im wuchtigen Stil, der in seiner emotionalen Direktheit ins Reich des abstrakten Expressionismus gehört.
Ein Konzept, das keine Beschränkungen zulässt und daher exakt den künstlerischen Ansatz des Malers trifft. Pure Power, Leidenschaft auf Leinwand. Am liebsten groß und drastisch.

Werkstatt ist frisch restauriert
Die Werkstatt ist kurz vor dem Wochenende fertig geworden. Frisch restauriert – und optisch reduziert. Nicht nur für den Tag des offenen Ateliers, an dem sich der Künstler zum wiederholten Mal beteiligt hat. Blütenweiße Wände und Decken lenken den Blick nicht ab von den Bildkompositionen, die eine ungeteilte Aufmerksamkeit verlangen.
Degen, Jahrgang 1957 und gebürtiger Bensheimer, versteht Kunst als Ausdruck seiner emotionalen Persönlichkeit, als Spiegel von Gedanken und Assoziationen. Das ist nicht außergewöhnlich. Markant ist aber die konsequente Umsetzung dieses Anspruchs, die keine Zugeständnisse und Kompromisse mag. Spontane Kommentare wie „Das haut einen um“ reflektieren die Lust und Intensität, mit der sich Degen seiner Arbeit widmet. Ein Dialog mit dem Zufall, ein Reibungsprozess mit ungewissem Ausgang. Ähnlich wie die Biografie des Hauptdarstellers.
Nach einer Lehre zum Bauzeichner liebäugelt Erwin Degen Mitte der 80er mit der Malerei. Über die Aquarelltechnik kommt er langsam aber sicher zur Acryl- und Mischtechnik. Vor vier Jahren konzentriert er sich auf seine Acryl-Collagen, flankiert von Metallbildern, die gerade eine Renaissance erleben, wie der Maler erklärt. Kraftvolle Farben auf dünnem Aluminium, das mit einer Bitumenschicht versehen ist. Die Metallbilder sind geordneter, visuell aufgeräumter und bisweilen von einer geometrischen Strenge, die wie ein ironischer Kommentar zu den groß dimensionierten Farbexplosionen wirken. Eine Handbreit Abstand zur Wand lassen die horizontal gestreckten, schlanken Objekte im Raum schweben.
Ein anderes Bild erscheint wie eine abstrakte Übersetzung von Monets Seerosen-Reihe: Schillerndes Blau und Grün bohrt sich durch eine aufbrechende Oberfläche, die durch den Trocknungsprozess der Farbe entstanden ist. Die Regelmäßigkeit der Komposition wird von Farbspritzern zerfetzt – eines der eindrucksvollsten neuen Bilder, das räumliche Distanz benötigt.
Erstaunlich ist, dass Degens Farbexzesse auch im kleineren Format wenig von ihrer Expressivität verlieren. Doch die Macht des Bildes wird mit zunehmendem Volumen deutlich stärker. Der Maler strebt nach noch üppigeren Maßen.
Ein Diptychon aus 2011 dominiert den Raum mit einer Größe von 2,40 mal 1,60 Metern. Eines von Degens Lieblingsbildern. Der Einsatz des Spatels ist fast immer erkennbar und hinterlässt schroffe Oberflächenstrukturen, die Plastizität und interessante Lichtspiele verursachen.
Degens kreativer Entwicklungsprozess dauert an. Stillstand wird nicht geduldet, Bequemlichkeit hat Hausverbot. Ausstellungen kommen nach wie vor kaum vor. Der Maler ist wählerisch. Er mag sie nicht, die qualitative Beliebigkeit der zeitgemäßen Ausstellungskultur.

Thomas Tritsch, BA 27.09.2011

Artikel vom 11.09.2010 Bergsträßer Anzeiger  


 

Tag des offenen Ateliers: Ein Besuch beim Fehlheimer Künstler Erwin Degen / Einladung für den 18./19. September

 

Mit Leidenschaft experimentieren

 

Ein explodierendes Grün zerfetzt die Bildkomposition, ein sattes Blau erobert die Leinwand und eine erdige braune Kruste scheint vor den Augen des Betrachters in knarzige Scholle zu zerbersten. Das Gegenständliche an den Bildern von Erwin Degen ist die Allgegenwärtigkeit eines abstrakten Expressionismus, der jegliche Vernunft und Reglementierung in Keim erstickt. Hier regieren pure Emotion und schamlose Lust am vielfältigen Experimentieren.

Statt eines geplanten Bildaufbaus dominieren dynamische Maltechniken von einer kaum kontrollierbaren Wucht.

Gerade, wenn man es sich in seiner eigenen Meinung über die Bilder des Künstlers gemütlich gemacht hat, reißt einen Erwin Degen mit seiner Ideenvielfalt und kreativen Unzurechnungsfähigkeit wieder aus der Bequemlichkeit. In seinem Atelier am Ortsausgang Fehlheims kollidieren die Ergebnisse einer facettenreichen Künstlerbiografie mit sich selbst und mit den Augen des Betrachters.

 

Spiel mit Gegensätzen

Gleich neben den vor Farbe und Kontrasten strotzenden Großbildern stehen technisch verspielte Materialcollagen, in denen Fragmente wie Geschenkbänder, Spitze oder Zeitungsschnipsel verarbeitet sind. Es ist stets das Spiel mit Grenzen und Gegensätzen, das den gelernten Bauzeichner reizt, sich niemals mit sich und seiner Kunst zu arrangieren. Die Leidenschaft am Experiment verbietet jeden Stillstand. Der kreative Dialog mit dem Zufall lässt keine Ruhe zu. Seine Teilnahme am Tag des offenen Ateliers (18./19.) ist nicht die Folge eines akuten öffentlichen Geltungsbewusstseins. Erwin Degen ist einer, der lieber in der Werkstatt über seine Arbeit spricht als die visualisierten Ergebnisse eines sehr persönlichen Entwicklungsprozesses in Ausstellungen vor größeren Menschensammlungen zu beschreiben, oder noch schlimmer: erklären zu müssen. Der Betrachter soll nicht vom Schöpfer dirigiert, sondern zum eigenhändigen Sehen und Assoziieren animiert werden. Das ist der Anspruch, den Degen an seine Bilder und das Publikum hat. Künstler, die er schätzt, sind Emil Schumacher und Gerhard Richter.

1957 in Bensheim geboren, dauerte es fast 30 Jahre, bis ihn die Malerei in seinen Bann zieht. Er beschäftigt sich mit den technischen Grundlagen und den stilistischen Ausprägungen der Malerei und besucht 1986 die Auerbacher Sommerakademie bei Barbara Bredow und Wolf Heinecke. Ab 1998 ist er jährlich beim Kultursommer Südhessen vertreten. Der Einstieg in das künstlerische Schaffen war für Degen, nicht zuletzt aufgrund des Berufs, eine große Herausforderung. Nach einer kurzen, aber intensiven Phase als Bildhauer, die er aus körperlichen Gründen beenden muss, nimmt ihn die Malerei ganz für sich in Anspruch.

Der Prozess von der gegenständlichen zur abstrakten Kunst erfolgte bei ihm geradezu modellhaft als Folge technischen und künstlerischen Fortkommens: Degens Bewegung war jene von der äußeren Welt der Abbildungen hin zur inneren Welt der individuellen Reflexion und Thematisierung. Der Bauzeichner wollte weg von der Geraden, weg von der geometrischen Ordnung.

 

Ein langwieriger Prozess

Dies war freilich ein langsamer Prozess, den der Maler als noch längst nicht abgeschlossen kommentiert. Nach der ersten Orientierungsphase experimentiert er mit Metallbildern: Dazu inszeniert er kraftvolle Farben auf glatter Aluminiumoberfläche, als Untergrund dick aufgetragener Bitumen, der sich mit den Farben nicht verbindet. So entstehen Blasen und Risse als in sich kontrastierende Elemente der Bildkomposition. Mit seinen Ideen und der technischen Umsetzung wird ihm die Aufmerksamkeit der Kunstszene zuteil. Die Kunstakademie in Bad Reichenhall bietet ihm eine Dozentenstelle an. Er lehnt ab. Die Zeit ist zu knapp.

Flächenstrukturen, Zerschneidungen und abstrakte Verschmelzungen, dazu eine Vielzahl an Techniken und Materialkombinationen: Der künstlerische Autodidakt mutet seinen Gästen ein breites Spektrum zu, das in seiner Gesamtheit einen eindrucksvollen Entwicklungsprozess spiegelt.

Erwin Degen ist noch immer ein Bildhauer, der seine Inspiration auf die zweidimensionale Ebene verlagert hat. Ähnlich ist auch die körperliche Intensität, mit der er seine Bilder gestaltet. Der Maler nimmt sich die Freiheit, über Grenzen zu gehen.

Auch über die eigenen.

 


Thomas Tritsch, BA 11.09.2010